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Porto Velho (Mittwoch, 6. Juni 2007)

Auch wenn wirs zeitweise nicht ganz geglaubt haben - wir sind durch! Was für ein Schlamminferno! Obwohl wirs im Nachhinein kein zweites Mal tun würden nehmen wir das bestandene Abenteuer und das unglaublich intensive Verbundensein mit dem Amazonasdschungel als unvergessliche Erinnerung mit. Ein großes Abenteuer und die schwierigste Etappe überhaupt bisher. Seit zwei Wochen sind wir nun schon in Porto Velho bei einem symnpathischen Motorradclub eingeladen (den Abutres) und den Schlamm wieder losgeworden. In unermüdlicher Schreibarbeit haben wir inzwischen die unglaublichen Erlebnisse der letzten Wochen niedergetippt, wir konnten die im Matsch demolierten Teile auch Dank guten Radshops auswechseln.

Ein ausführlicher und sehr spannender Bericht existiert bereits, wir werden diesen allerdings erst in unserem geplanten Buch veröffentlichen und zur Zeit nur unserer Familie zugänglich machen. Unter der Rubrik "Begegnungen" lassen wir etwas davon durchklingen. Als Vorgeschmack hier ein paar kurze Ausschnitte:

[...] Klebriger schlammiger Matsch bremst unsere Fahrt rapide bis wir hoffnungslos feststecken. Erst vor kurzem muss es hier heftig geregnet haben. Ein Weiterkommen ist absolut unmöglich und der kilometerlange Blick nach vorn verspricht keine Änderung. Wir wollen das Unausweichliche nicht wahrhaben, packen die Räder ab und transportieren unser Gepäck über den weichen, klebrigen Schlamm rund 100 Meter nach vorne, bis der Boden zumindest ein bisschen fester wird. Schon nach wenigen Schritten haben wir eine dicke Kleblehmschicht an den Sandalen, die nun grob geschätzt knapp drei Kilo wiegen müssen, ehe wir hoffnungslos am Boden festkleben. So stapfen wir barfuß weiter, giftige Tiere werden in diesem Schlamm sicher keine Lebensbedingungen finden. Nach über einer halben Stunde haben wir unsere gesamte Ausrüstung rübergeschleppt und die Räder wieder aufgepackt. Die Kotbleche sind dick verklebt und an den Bremsbacken hat sich ein riesiger Lehmklumpen festgefressen, den wir mühselig herausfieseln. Wir haken die Bremsen aus und montieren die Kotbleche ab. An Radeln ist nicht zu denken und wir versuchen schiebend weiterzukommen. Doch die Reifen saugen den butterweichen Klebelehm gierig auf und schon nach wenigen Metern ist alles so verklumpt, dass sie blockieren. Über 500 Kilometer liegen noch vor uns und wir sind schon nach 150 Metern Klebematsch fast am Ende unserer Kräfte, von oben bis unten schlammverschmiert und stecken fest. Gerhard will es nicht wahrhaben und während ich mich schon mit dem Unmöglichen abfinde, zerrt er den armen Coati noch hundert Meter weiter, bis dieser in einem weiteren tiefen Matschabschnitt versinkt, endgültig festklebt und nicht mehr weiter will. Es tut mir richtig weh, wie ich an seinem verzweifelten Gesichtsausdruck ablesen kann, dass auch sein Traum von der vollständigen Amazonasdurchquerung per Fahrrad hier und jetzt nach nur läppischen fünf Kilometern im Schlamm zu versinken beginnt. [...]

Und noch ein Ausschnitt:

[...] "Warum seid ihr nicht schon gestern zurückgekommen", meint Edwaldo, nachdem wir ihm unsere Pläne dargelegt haben. "Die Sandfloße sind heute mit dem Morgengrauen ausgelaufen und kommen erst in zwei Wochen wieder zurück." Wir können unser Pech kaum fassen! Zudem zerstört er auch unsere Hoffnung auf ein Passagierboot von hier zum Rio Madeira, die würde es schlicht und einfach nicht geben. Noch einmal studieren wir unsere Karte. Alles, nur nicht nach Manaus zurückkehren müssen, denn in diesem Fall wäre jeder Kilometer hierher einfach nur sinnlos gewesen. Da kommt uns plötzlich eine neue Idee. Was ist, wenn wir uns ein gebrauchtes Kanu kaufen, das auch genug Platz für unsere Räder und Gepäck hätte und einfach selber bis nach Borba paddeln. Wir zeigen auf die erste große Stadt, die am Rio Madeira eingezeichnet ist. Neue Abenteuerlust durchschießt uns, was für eine geniale Variante das doch wäre. Nur Mapachi, Coati und wir zwei Lauser im Kanu mitten durch den Dschungel Amazoniens, tagelang. Wäre es nicht genau das, was wir uns klammheimlich gewünscht haben und was wirklich Amazonasabenteuer bedeuten würde. Schon wollen wir begeistert von dieser neuen Idee auf die Räder springen um uns auf die Suche nach einem willigen Kanuverkäufer zu machen, als wir Edwaldos ernsten Gesichtsausdruck bemerken. Er wirkt schockiert und irgendwie scheint es, als ob er die Ernsthaftigkeit unseres Vorhabens begriffen hätte. "Ich kenne den Fluss!", meint er. "Ohne gute Karten kommt ihr als unerfahrene Kanuneulinge nie heil durch", und er beschreibt die unzähligen Verzweigungen und Windungen, in denen wir uns hoffnungslos verirren könnten. "Und selbst wenn, ihr würdet dafür mindestens zwei bis drei Wochen brauchen". Edwaldo scheint sich für uns verantwortlich zu fühlen und möchte uns unbedingt von dieser Idee abbringen. "Wenn ihr nicht nach Manaus zurückkehren wollt, gibt es da noch eine andere Möglichkeit", meint er schließlich.[...]

Und noch ein Ausschnitt:

[...] Der Dschungel reicht unglaublich nah an uns heran, vielleicht ein Meter Platz bleibt uns häufig nur zu beiden Seiten und an kurzen Abschnitten ist er sogar fast über unseren Köpfen zugewachsen. In der dichten Böschung entdecken wir immer wieder verrostete Autowracks, die offensichtlich randaliert, ausgebrannt und beschossen wurden, kein allzu vertrauenserweckendes Zeichen. Erinnerungen an die Schauergeschichten im Straßenarbeitercamp kommen auf und ein wenig macht sich das Gefühl breit, dass an ihnen vielleicht wirklich etwas dran sein könnte. Hie und da fühlen wir uns auf dem schmalen verwachsenen Feldweg etwas verloren. Und doch sind wir in all der Einsamkeit nie alleine, gerade bei den Esspausen bekommen wir das ordentlich zu spüren. Vor allem die Insekten haben es auf uns abgesehen. Und manche von ihnen haben uns zum Fressen gern. Allen voran natürlich die obligatorischen Proletenhummeln, die es, wie wir inzwischen herausgefunden haben, auf unsere verkrusteten Packtaschen abgesehen haben. In Scharen von zwanzig Stück umschwirren sie diese laut brummend und schlecken gierig am Plastik. Wahre Proletenfetischisten, gerade so als ob der Urwald keine andere Nahrung als uns Stinkeradler zu bieten hätte. Vielleicht bringen wir aber auch nur einfach etwas Abwechslung in den Speiseplan, eine exotische Gaumenfreude sozusagen. Natürlich werden wir auch von jeder Menge Sprintameisen erobert, die oft schneller in einem offenen Sackerl oder Topf sind, als unsere Gabeln. Dazu superhektische Bienen in variationsreicher Ausführung. Eine Spezie sieht aus wie die unseren in Europa und wirkt nicht allzu freundlich gesinnt (um nicht zu sagen bedrohlich), eine andere winzige und völlig schwarze hat an den Hinterbeinen überdimensionale Reiterhosenbeutel montiert. Gerade sie sind besonders dreist und haben uns persönlich im Visier ohne erst lange um Erlaubnis zu fragen. Für sie gibt es nichts schöneres, als Schweiß zu lecken und sie können auch - sofern wir Einspruch erheben und sie wegscheuchen wollen - schmerzvolle Stiche verpassen, mit ordentlicher Nachwirkung. Je länger unsere Pause dauert, umso mehr spricht sich das Schlemmerbuffett bei den Schweißlausern herum. Bis zu fünfzig uneingeladene Gäste zählen wir, die uns umschwirren, bekrabbeln oder in die Hosenbeine wandern. So muss sich eine Blume fühlen! [...]

Und noch ein Ausschnitt:

[...] Wenn die Stimmung besonders gut ist, werden vom Moderator in boxringsprecherverdächtiger Qualität Propaganda-Parolen für den amtierenden Präfekten in die Menge gehämmert. Eigentlich genießt dieser ja einen äußerst unliebsamen und korrupten Ruf, da viele Gelder, die für die Gemeinde bestimmt sind, in seiner Tasche landen. Doch heute spielt das alles keine Rolle, bei dem Stimmungsgrad würde die tobende Menge vermutlich für jeden jubeln und applaudieren, ob sie ihn kennt oder nicht, ob Präfekt oder Lauser :). Wie eine Horde Schafe stimmen sie mit ein und rufen laut den Namen des Präfekten nach. "Rui, Rui, Rui!", immer wieder, unentwegt. Manche verfallen dabei regelrecht in wilde Hysterie, beklettern ihren Partner und werfen jubelnd die Fäuste in die Luft. Ja, ihrem Präfekten einzig und alleine ist das wild knallende Feuerwerk, die laute Calypso-Musik, der Besuch Nairas und das viele nackte Fleisch heute zu verdanken und das ist es doch, was wirklich zählt, daran wird man sich noch lange erinnern. Dass aufgrund der hohen Gage der berühmten Sängerin und dem aufwändigen Feuerwerk wohl an die 60.000 Euro verpulvert wurden, wie Eduardo schätzt, darüber zerbricht sich heute keiner den Kopf. Hätte der Präfekt dieses Geld in den Kauf von Schulbüchern, den Ausbau von Straßen oder öffentlichen Einrichtungen investiert oder die seit Monaten rückständigen Löhne der Stadtbeamten bezahlt, nie und nimmer hätte er diese Euphorie bewirken können. Ja, der liebe Herr "Rui", hängt man da noch ein "n" dran, dann macht der Gute seinem Namen wirklich alle Ehre - er wird seine Gemeinde früher oder später in den "Ruin" treiben (dieses Wort existiert im brasilianischen übrigens wirklich und bedeutet hier soviel wie "schlecht"). Mit diesem Fest hat er sich aber seine Wiederwahl gesichert, schlauer hätte er das Geld nicht investieren können. Es gibt wohl nichts einfacheres als Unterdrückte und Kleingehaltene zu manipulieren. [...]

Jetzt haben wir wieder eine Zeitlang Ruhe vom unliebsamen Computerkastl. Das Einfachste auf einer Radtour ist wirklich das Radeln, und auf das freuen wir uns inzwischen schon wieder sehr. Heute werden wir noch für unsere lieben Mopedjungs Gulasch mit Knödeln zaubern und dazu einen Zitronenkuchen. Morgen oder übermorgen gehen wir die letzte Etappe auf brasilianischem Boden an, rund 900 Kilometer trennen uns noch von der peruanischen Grenze, der Großteil davon soll wunderbar asphaltiert sein, nur die letzten hundert Kilometer wird sich der Asphalt wieder in Schotter verwandeln, jedoch bei Regen gut befahrbar. In Peru erwartet uns dann wieder ein mehrere hundert Kilometer langer Lehmweg, allerdings soll bis dahin Trockenzeit eingekehrt sein und auch genug Verkehr unterwegs sein, dass die Strecke zumindest bzgl. Einsamkeit nicht gefährlich ist. Danach warten die Anden! Nach einem Jahr in den Tropen wird´s ja doch so langsam Zeit für etwas Abkühlung. Neue Kulturen, neue Eindrücke, neue Herausforderungen liegen vor uns. Wir freuen uns schon!